Damals in Regensburg

                                          20.02.2005
 
   

                              Georges Bizet

                            
Carmen

 
 


Eine Nachlese

Theater Regensburg
20.02.05


"Hier an dem Herzen treu geborgen"

 

 
         
   
     
 
 

Wird das eigene musikalische Bewusstsein mit einer der populärsten Opern der Musikgeschichte in frühester Kindheit geweckt, so hinterlässt gerade dieses Werk deutliche Spuren.
Ist dann auch noch die Beteiligung an Produktionen gegeben, verstärkt sich der Eindruck.
Susanne Muser war die erste Carmen, Ernst-August Steinhoff war José. Bilder und die Sprache der Soldan'schen Fassung bleiben für immer haften.
Später war Melinda Moldovan die Carmen, Karl-Olof Johansson der José, Elfriede Hingst die Michaëla. Sie schärften den Blick für die Figuren.
Das Werk blieb gleich.


Die Sichtweisen auf die Stücke und ihr In-Szene-Setzen haben sich verändert. Neue Interpretationen werden gewünscht, ohne das Werk zu verändern. Die optischen Eindrücke sind neu.
Provozierendes wurde geboten: Die Neuenfels-'Aida' oder sein 'Macbeth' - Zuruf eines Frankfurter Zuschauers, als ein gefiedertes Etwas vom Schnürboden herabgelassen wurde:
"Das ist der Vogel, den Herr Neuenfels hat" -
der Nel'sche 'Feischütz' auch in Frankfurt, der 'Troubadour' von Chundela in Essen, der 'Lohengrin' von Konwitschny in Hamburg und Barcelona. Letzterer ein Unikat - nicht wiederholbar.

Nun die unverwüstliche, aber inzwischen fast zu Tode inszenierte 'Carmen', auch wieder in Regensburg.
In der Ära List war Dr. Kertz der Regisseur.

Heute Striche, wodurch, da die Musik nicht weiterläuft, Löcher entstehen, dagegen geöffnete Stellen, die noch je kaum gehört wurden. Und bei allen Überlegungen des Regie-/Bühnenbild-/Kostüm-Teams, ergibt sich durch die überflüssige Übertitelungsanlage Dummes.

'Lasst uns wieder sehn nach Leuten, die vorüber gehn' -
nur sind die Herren Soldaten in ihren gelben Hemden allein auf der Bühne und eben 'keine Menge im Gedränge'.
Nicht die einzige Ungereimtheit, die durch die Übertitelungsanlage noch verstärkt wird.

Auftritt Damenchor - angeblich
'nach der Glocke tönen' - Fabrikarbeitrinnen, ohne Signalton hinter einem hohen Maschendrahtzaun, die - man meint, sie seien eingesperrt - dürfen später aber raus, auf die offene Bühne, dafür dürfen die Männer vorher schon in das Gehege - wieso, warum?
Interessant die Begegnung Carmen - Michaëla am Zaun (Carmen drinnen - Michaëla draußen) aber wieso kommen die beiden dann später sich prügelnd aus der Fabrik - wie ist Michaëla da hineingeraten.

Dass Carmen gleich mit der Habanera über José herfällt, ihn - sie hat ihn gerade zur Kenntnis genommen - den Soldaten - und legt ihn flach, auf den Boden - mit einem bayerischen Polizisten wär das nicht möglich und mit einem französischen auch nicht.
'Aber in Spanien.'

Dass José - kaum ist die etwas herbe Carmela Calvano Forte in der Titelrolle erschienen - er auch gleich derartig enflammiert - kann nicht nachvollzogen werden, da von dem Liebespaar bis dahin und auch Verlauf des weiteren Abends nichts Erotisches ausgeht.
José Azocar bemüht sich nicht nur zu stemmen, sondern auch Bögen zu singen, geht im Duett mit Michaela ins Falsett und rettet sich so.
Wenn Staatstheater einen Cassio nicht g'scheit besetzen können, wie soll dann Regensburg zu einem exzeptionellen José kommen.

Im zweiten Akt sind die Touristen die Attraktion der Inszenierung. Sie füllen die Szene mit ihrem Auftritt in Badehose und Sandalen, wartend auf den Beginn der Folklore-Ballermann-Show.
Dass Matias Tosi-Sokolov als betuchter Stierkämpfer Escamillo in einem kümmerlichen Unterhemd zu Lillas Pastia - der Schriftzug über dem Eingang lässt bei Lillas ein zweites 'L' vermissen, so dass die Kneipe nun 'Veilchen-Bar' heißt - kommt, kann nicht verständlich gemacht werden. Der junge Sänger hat zweifelsohne eine interessante und entwicklungsfähige Stimme, aber einen Body, den er so nicht zeigen sollte, ganz abgesehen davon, dass seine posierenden Bewegungen ausgesprochen linkisch sind.
Hat das niemand bemerkt - der Theaterdirektor sah es offensichtlich nicht - und sah es heute Abend unter Umständen auch nicht.
Es gibt Intendanten, die sitzen eben nicht wie weiland Rolf Liebermann jeden Abend im Theaterparkett, um sich den Verlauf der jeweiligen Vorstellung anzusehen.
'Ein kommender Bariton' geht jedenfalls so nicht 'raus'. Im dritten Akt hat er wenigstens ein 'Jöppelchen' übergezogen und im vierten die bekannte Adjustierung der Toreros. Aber der zweite Akt ist für ihn optisch einfach daneben. Dass er musikalisch im Couplet aus dem Tritt geriet, sei nur nebenbei vermerkt.
Und vom Konzept des Stückes her - an diesem 'Herrn Escamillo' findet Carmen etwas, ja was? Sozialer Aufstieg mit diesem schönstimmigen Herrchen? Ja, wie denn das?
Und übrigens Frau Forte - die Kastagnetten schlägt eine Carmen selber und lässt es sich nicht abnehmen.

Zum dritten Akt gibt es nur zu sagen: 'Ein Schauder erfasst mich'.
Der Chor liegt reglos herum - von wegen
'... die Schlucht hinab, ihr Kameraden - ein falscher Tritt zum Abgrund führt' -

die Bühne dreht sich - that's all. Michaela steht hell erleuchtet hinter dem Stier und singt ihre Arie auf eine merkwürdige Weise. Die Enden der Phrasen bekommen einen Drücker, als schnappe sie nach Luft. Eine Unart, Gefühl auszudrücken - wie soll das bei der Arabella gehen? Hinzu kommt, dass durch diese direkte Beleuchtung sich jedes Zittern, jedes Beben des Körpers auf ihrem Kostüm dupliziert darstellt. Nicht schmeichelhaft für die gute Michaëla.
Besonders für die Kartenarie sei Frau Forte 'Legato-Singen' empfohlen, wird durch die engen Intervalle hier besonders die Bedrohung durch das Schicksal betont
'.. wenn dir die Karten einmal bittres Unheil künden, vergebens mische sie.'

Unerhört cool - geradezu intellektuell gesteuert - serviert Frau Forte ihren Don José ab - so schön sie singt - das Vibrato, nach der Premiere - von irgendwem, irgendwo bemängelt - hat nicht mehr als eine entsprechende Schwingung - also völlig in Ordnung - aber vom Ausdruck her ist alles bis hierher: gebremst.

Erst im vierten Akt, da sie am Ende ist, wird Emotion spürbar, die auch vom Publikum erkannt wird, hier als Hinzurichtende, als 'Heiligenfigur' auf dem Podest, hat sie Ausstrahlung.
Und auch bei
'... den Ring, den du mir einst als Liebespfand gegeben - da!'

kommt endlich etwas, von ihr ausgehend. Sonst alles unterkühlt und irgendwie nebenbei. Warum den Mezzo in geistiger Überlegenheit so in den Vordergrund stellen - sie ist da als 'Dritte Dame' gefühlsbetonter.

José Azocar spielt durchgängig den ganzen Abend 'die arme Sau' und das überzeugend. Der kleine Bauernsohn, der sich seiner Haut permanent wehren muss, der Loser, der nur gehänselt wird. Schwer, das durchzuhalten.
Stimmlich gewalttätig, traut er sich nicht zurückzunehmen, zu singen ist ihm wenig bewusst. Dass er nur als 'Troubadour' geeignet sei, dem muss widersprochen werden. Dessen 'Dass nur für dich mein Herz erbebt ..' erfordert Belcanto und darf nicht gestemmt und gebrüllt werden.
 

www.youtube.com/watch?v=RedJpKDQDfE

Hochgeladen am 26.04.2010

Scène finale de l'opéra "Carmen" de Bizet. Mis en scène à Regensburg par Françoise Terrone. Carmen: Carmela Calvano-Forte. Don José : José Azocar. Costumes F.Terrone, Décor Philippe Godefroid

Revised: 20.2.2014.

Die dritte 'Carmen'-Vorstellung nach der Premiere. Es war zu merken, dass die Produktion zu lange seit dem 6.2.05 - nämlich
14 Tage (Dispo ist so eine Sache!) - gelegen hatte.
Da hakte es immer wieder - Mancher stieg aus, die Übertitelungsanlage kam irgendwann und stiftete Verwirrung, ganz abgesehen davon, dass Übereinstimmung, Geschehen auf der Bühne und Übertitelung, nicht zu erkennen war.
'In der Menge dort lauernd verbirgt er sich' - außer José ist kein Mensch auf der Bühne - also was soll das!?

DH


Um 'Missverständnisse' zu vermeiden:
Als Zeitungs- / Theater-Abonnent und Abnehmer von voll bezahlten Eintrittskarten aus dem freien Verkauf verstehe ich diese Besprechungen und Kommentare nicht als Kritik um der Kritik willen,
sondern als Hinweis auf - nach meiner Auffassung -
Geglücktes oder Misslungenes.
Neben Sachaussagen enthalten diese Texte auch Überspitztes und Satire.
Hierfür nehme ich den Kunstvorbehalt nach Artikel 5, Grundgesetz, in Anspruch.
Dieter Hansing

 

 


 

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