Zur Meinungsfreiheit westlicher Gesellschaften 
zählt das Recht zur missverständlichen Überzeichnung.
   
04.01.2010 - dradio.de

 


Thema des Tages

Kurz kommentiert

 


Liederabend an der Nds. Staatsoper Hannover
 

  Nehmen wir doch das Ende der Veranstaltung an den Beginn unserer Bemerkungen.

Das Publikum applaudierte mitfühlend, nachdem die letzten Töne verklungen waren, denn man nahm ernst, was man gesehen und gehört hatte.
‘Die Winterreise* stand am 6.2.2026 auf dem Programm: ein Tenor hatte sich mit seinem Klavierbegleiter angesagt.
Die beiden traten vor ein Publikum, das sich auf das Parkett und den ersten Rang verteilte, zweiter und dritter Rang blieben geschlossen. Man hatte, nachdem der Vorverkauf nicht recht funktionierte, mit der Maßgabe gelockt:

Zitat
Bringen Sie Ihre Lieben zum nächsten Theaterbesuch mit! Bei allen Aktions-Vorstellungen in der Spielzeit 25/26 erhalten Sie zu jedem Vollpreis-Ticket bis zu fünf weitere Tickets für je 10 € bzw. 20 €. Gilt auch in Verbindung mit Ihren Abo- oder TheaterCard-Tickets.[…]
Gilt nicht nachträglich in Verbindung mit bereits gekauften Tickets.

Zitatende

Und so kamen auf eine von der Technik ansprechend hergerichteten Bühne, die beiden Protagonisten, die sich anschickten, das wahr zu machen, was aus dem Text hervorging:
‘Zwei arme Tröpfe‘ in einer Adjustierung, die dem mittellosen Leierkastenspieler gerecht wurde. Im gegebenen Fall ist – so wie man auch noch ansonsten mit leidensbitterer Miene auftrat - ‘Barfuß‘ passend,

Aus dem Programmheft hatte man entnommen, dass beide Darbietenden in Bayern geboren wurden. Das Publikum erwartete nun vom Sänger nicht unbedingt die Texte von Wilhelm Müller in einer bayerischen Sprechweise zu Gehör zu bringen. Es gelang dem Sänger aber hier einen gewissen geheimnisvollen Sprachduktus zu erzielen. Auch war es ihm möglich, auf das Sprechen von Konsonanten innerhalb der Wörter nahezu zu verzichten und Endkonsonanten gänzlich hintan zu stellen. So ergab sich vom Text her ein unaufgeregter Vortrag. Dieser, natürlich im völligen Gegensatz zu z.B. Fischer-Dieskau, bei dem man ja jedes Wort verstand und man damit dem Rätselraten z.B. im Lohengrin auf die Textstelle: ‘Nun sei bedankt mein lieber Schwan‘ – jemand im Publikum fragte: ‚‚Was sagte der Mann zu der Gans“ entraten musste.

Als ‘hochinteressant‘ kann man den musikalischen Teil bezeichnen, konnte man doch den gesamten Abend über Kenntnis davon nehmen, wie der Chorleiter Ratzinger der Regensburger Domspatzen, zu denen auch der Sänger des Abends gehörte, den Schülern vor dreißig Jahren ein flaches Chorsingen beibrachte, - wobei die hellen Vokale der Worte betont wurden, um eine brillante Tongebung zu ermöglichen, manche mögen es als nasales Singen bezeichnen.

Weiterhin beachtenswert, wie der Sänger bei seiner weiteren beruflichen Entwicklung diese Technik – auf dem Stimmbändern ‘herumzusingen‘ - benutzte, was dazu führt, dass nun das Stimmorgan deutlich macht: “mir ist weh getan worden“, denn vom natürlichen Vibrato ist der Weg nicht weit zum Tremolo und zur Quintenschaukel.

Hier scheint ein ‘hochqualifiziertes Coaching‘ am Werk zu sein, denn diese Entwicklungen fallen einem versierten Stimmpädagogen rechtzeitig auf und er weiß, was er zu tun hat.

Dazu gehört natürlich auch die Wahl der Werke, denen man sich aussetzt. Hier sind auch der Theaterdirektor und der musikalische Oberleiter im Rahmen der Fürsorgepflicht gefragt: Wem gebe ich welche Rolle, damit er nicht überfordert wird? Max und Lohengrin zu übernehmen, weil der Agent es für richtig befindet, ist natürlich löblich, denn das Honorar ist verständlicherweise für die Vermittlung und den Auftritt bei einem Siegmund höher als bei einem Evangelisten, wobei man von der Kirchenmusik heutzutage nicht in Saus und Braus leben kann, gibt es doch kaum noch ‘Hochzeits- oder Gruftmucken‘.  

Wenn man allenfalls ein ‘Holländer-Steuermann‘ ist, dann sollte man beim z.B. Idomeneo, Tamino, Belmonte, Ottavio bleiben und schon gar nicht nach dem Erik und den übrigen Helden schielen und die teilweise sogar auch noch öffentlich vortragen.

Insgesamt gesehen war es ein Abend, währenddessen man zwei, wie Straßensänger gekleidete und beschuhte Bayern (dass wenigstens der Sänger nicht Sneakers mit hell abgesetzter Sohle trug, verwunderte. Gibt es in der Oper für solche Auftritte keinen Dresscode?)

Dem Publikum konnte das Elend der Straßensänger, somit schon vom äußeren Erscheinungsbild her, mehr als deutlich gemacht werden. Es dankte mitleidvoll ob des musikalischen Vortrags, gemäß den Vorgaben der Chorleitung der Regensburger Domspatzen.
So bleibt dem Leiermann verständlicherweise der ‘Teller immer leer‘.


 

to top


Um 'Missverständnisse' zu vermeiden:


Als Zeitungs- / Theater-Abonnent und Abnehmer von voll bezahlten Eintrittskarten aus dem freien Verkauf verstehe ich diese Besprechungen und Kommentare nicht als Kritik um der Kritik willen,
sondern als Hinweis auf - nach meiner Auffassung - Geglücktes oder Misslungenes.

Neben Sachaussagen enthalten diese Texte auch Überspitztes und Satire.

Hierfür nehme ich den Kunstvorbehalt nach Artikel 5, Grundgesetz, in Anspruch.

Dieter Hansing
 

to top