Zur Meinungsfreiheit westlicher Gesellschaften 
zählt das Recht zur missverständlichen Überzeichnung.
   
04.01.2010 - dradio.de

 

 

 

Thema des Tages

'Nozze_di_Figaro'
 

   ... am 01. März 2026 an der Nds. Staatsoper Hannover

Die Wiederaufnahme von „Nozze di Figaro“ am 1. März 2026 an der Niedersächsischen Staatsoper Hannover wirft einen Schatten auf die künstlerische Ausrichtung und die Besetzungsentscheidungen des Hauses.

Dem Ensemble und der Technik doch noch einige Proben für diese WA der Produktion zur Verfügung zu stellen, ist ‘in höchstem Grade erfreulich‘, dokumentiert jedoch gleichzeitig Fragen zur Qualität und zur künstlerischen Integrität, die in der aktuellen Theaterlandschaft von großer Relevanz sind.

Die Theaterleitung hat mit der Entscheidung, Anfängern die Bühne für große Rollen zur Verfügung zu stellen, einen mutigen Schritt gewagt, der sowohl Anerkennung als auch Kritik nach sich zieht. Während es in anderen Städten wie Saarbrücken, die als weniger zentral gelten, möglicherweise als Chance gewertet werden kann, Debütanten eine Plattform mit tragenden Rollen zu bieten, ist dies in Hannover, der Landeshauptstadt Niedersachsens, ein zweischneidiges Schwert. Die Erwartungen an eine erste Bühne sind hoch, und die Besetzung der Rollen sollte diesem Anspruch gerecht werden.

Die lässt bei ‘Gräfin‘, ‘Graf‘ und ‘Figaro‘ bereits im Vorfeld Zweifel aufkommen. Die schauspielerische und stimmliche Eignung der Darsteller spielt eine entscheidende Rolle, um die komplexen Charaktere und deren Beziehungen zueinander glaubwürdig darzustellen. Während die ‘Gräfin‘ als ‘kissenwerfendes Wonnepüppchen‘ in ihrer schauspielerischen Ausführung als ehemaliger ‘Barbier-Rosina‘ 'entzückt', bleibt bei ihr die Darstellung des Melancholischen und die der Kränkungen auf der Strecke. Auch die Anforderungen der Rolle in stimmlicher Hinsicht weisen auf eine unzureichende Berücksichtigung der vorhandenen Möglichkeiten bei der Besetzung hin. Die 'Gräfin' sollte ein gereifter jugendlich-dramatischer Sopran und keine mittelgealterte Zwitscher-Soubrette sein.

Die Vorstellung am 1. März 2026 wird daher nur als nicht ausreichend durchprobierte Wiederaufnahme eines klassischen Werkes mit für das Publikum zum Zeil komplizierter Personenführung (gerade 3. Akt, Nr. 17 und 18), sondern auch als ein Indikator für den gegenwärtigen Zustand der Niedersächsischen Staatsoper unter Bodo Busse und Stephan Zilias gesehen. Die musikalische Qualität, die sich in dieser Aufführung widerspiegelte, wurde als höchstens vergleichbar mit einer Hochschulproduktion mittleren Semesters wahrgenommen. Dies wirft – wie schon beim jetzt ganz schnell – nach nur wenigen Vorstellungen - abgesetzten ‘Lohengrin‘ - Fragen zur künstlerischen Vision und zur langfristigen Strategie des Hauses in Besetzungsfragen auf. Die Herausforderung, sowohl junge Talente zu fördern als auch die Erwartungen selbst bei einem nur noch halbgebildeten heutigen Publikum zu erfüllen, ist eine Gratwanderung, die mit Bedacht und Weitblick - auch im Sinne der der Fürsorgepflicht - angegangen werden muss. Ein irgendwo mal gesungener 1. Akt 'Walküre' kann nicht automatisch einen 'Max' in HAM und dann einen 'Lohengrin' in HAJ nach sich ziehen.
Kürzlich scheiterte Dr. Klügl bei der Besetzung seines ‘Tamino‘ oder 2014 mit der Auswahl seines Regieteams ‘Tosca‘ mit den Damen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka, die jetzt bei Tobias Kratzer in Hamburg ‘Ruslan und Ludmilla‘ machen durften.

So bleibt zu hoffen, dass die Niedersächsische Staatsoper Hannover in Zukunft die Balance zwischen Innovation und künstlerischer Exzellenz findet, um den Restansprüchen des heutigen Publikums gerecht zu werden und um sich, unter dem jetzigen ‘Theaterdirektor‘ Bodo Busse und einer noch zu findenden musikalischen Oberleitung, als bedeutende Akteure in der Opernlandschaft des deutschsprachigen Raums zu positionieren.

So – wie mit diesem ‘Lohengrin‘, diesem ‘Giovanni‘ mit der ‘Malerin Klecksel‘ als dramaturgischem Element und dieser ‘Nozze‘ - wird das jedenfalls nichts.
Die neu aufgenommene ‘Turandot‘ scheint ja auch nur eine orchestrale 'Krawallschachtel' geworden zu sein. Ganz vorsichtig äußert sich hier Stefan Arndt von der HAZ zu diesem Thema.

Vielleicht tröstet uns ‘Penthesilea‘ am 14. April 2026 über das Elend hinweg.
Und dann kommt ‘Der Troubadour‘.
Na, das wird - unter dieser Theaterleitung - was werden!
 

to top

 

 

Um 'Missverständnisse' zu vermeiden:

Als Zeitungs- / Theater-Abonnent und Abnehmer von voll bezahlten Eintrittskarten aus dem freien Verkauf verstehe ich diese Besprechungen und Kommentare nicht als Kritik
um der Kritik willen,
sondern als Hinweis auf - nach meiner Auffassung -
Geglücktes oder Misslungenes.

Neben Sachaussagen enthalten diese Texte auch Überspitztes und Satire.

Hierfür nehme ich den Kunstvorbehalt nach Artikel 5, Grundgesetz, in Anspruch.

Dieter Hansing